Die Lösnicher Kirchenglocken

Kirchtürme prägen seit vielen Jahrhunderten die Silhouetten von Dörfern und Städten. Eng verbunden damit ist auch das Läuten der Glocken, ein Klang der vielen ein Stück Heimat bedeutet. Ein Klang, der so manche Erinnerungen an die Kindheit weckt, an Weihnachten, an so manche Festtage und auch daran, wenn ein lieber Mensch zu Grabe getragen wird. Viele fühlen sich davon emotional berührt und angesprochen. So haben auch die Lösnicher Kirchenglocken viele Generationen immer wieder auf ihrem Lebensweg begleitet.

Nach der ersten Erwähnung eines Gotteshauses in Lösnich im Jahr 1066 rückte die Lösnicher Kirche erst 1252 wieder in Rampenlicht der ortshistorischen Entwicklungen. 1252 gelangte die Pfarrei Lösnich mit den damaligen Filialkapellen Erden, Rachtig und Lösnich durch eine Schenkung an den Deutschen Orden. Sie blieb in ihren Händen bis in die französiche Zeit (1794-1815). Mit der Säkularisation 1803 werden die vier Kirchen zu unabhängigen und eigenständigen Pfarreien.

Was ist nun über die Glocken der Lösnicher Kirche noch bekannt?

Erstmals erwähnt wurde eine Glocke in Zusammenhang mit einem Streit zwischen Lösnich und Erden im Jahre 1516.  Lösnich war noch Pfarrkirche und Erden wohl verpflichtet, sich an den Kosten für den Turmbau und der Neuanschaffung einer Glocke zu beteiligen. Da sich Erden jedoch verweigerte, musste ein Schiedsgericht die Angelegenheit entscheiden . Das Urteil fiel zu Ungunsten von Erden aus. Mit diesem Schiedsspruch liegt auch eine Bestätigung aus 1516 vor, das bereits vor 1516 eine Kirchenglocke in Lösnichvorhanden war.

Die alte Kirche befand sich bis 1879 auf dem Gelände des Lösnicher Friedhofs. Sie wurde im selben Jahr durch einen Neubau in zentraler Dorflage ersetzt.

Neue Lösnicher Kirche von 1879. Bild Jürgen Schmid

Gießer und Lieferant der Glocke von 1516 beziehungsweise einer Vorgängerglocke sind leider nicht bekannt. 1604 wurde der Turm neu gebaut.

Der Neubau des gesamten Kirchenschiffs erfolgt 1638 durch den Deutschen Orden. Es folgten noch weitere bauliche Veränderungen, bis die Pfarrgemeinde sich 1879 entschloss, ein neues größeres Gotteshaus in zentraler Ortslage zu errichten. In der im Anschluss daran bis auf den Chor abgerissenen Kirche sollen sich laut einem alten Kirchenbucheintrag noch zwei aus der Abtei Himmerod stammenden Glocken befunden haben. Über den Verbleib dieser Glocken war bisher nichts weiter bekannt.

Hans Vogts erwähnt in der Buchreihe Kustdenkmäler der Rheinprovinz, Der Kreis Bernkastel, 1935 unter Lösnich, dass in der alten Lösnicher Kirche vor 1879 zwei Glocken mit folgenden Inschriften gehangen hätten:

  • Glocke 1
    Longius infestos Michael tuus arceat ensis incursus pellat Hostilia tela procul (1787)
  • Glocke 2
    St. Vite Patrone in der Pfarrkirchen zu Lösnich und Erden Johannes Stocky von Leiken Gos mich 1771

Johannes Stocky hatte 1770 eine Gießerei in Altbochum eröffnet. 

Neue Glocken für die neue Kirche 1897

Unklar ist, ob mit dem Bau der neuen Kirche 1879 die in der alten Kirche noch vorhandenen Glocken in die neue Kirche übernommen wurden. Bestätigt ist, dass  1897 drei Glocken durch die Gießerei Mabilon in Saarburg  im Auftrag von Pfr. Wilhelm Sasges in Lösnich installiert wurden. Herr Sasges war Pfarrer in Lösnich von 1886 bis 1907. Sein Grabmal befindet sich links am Eingangsportal der Friedhofskapelle.

Friedhofskapelle und Chor der ehemaligen alten 1881 niedergelegten Pfarrkirche. Bild Jürgen Schmid.

In seinen Schriftverkehr mit Fa. Mabilon in Saarburg erwähnte er am 5. April 1897, dass sich in Lösnich zwei alte Glocken befinden würden .

Die größere sei nach seiner Einschätzung gestimmt auf Ton g. Sie soll aus dem Kloster Himmerod stammen und 1735 gegossen worden sein, was nicht mit der Angabe von Hans Vogts von 1935 übereinstimmt, der zwei Glocken aus 1771 und 1787 aufführte laut einem Eintrag in einem alten alten Lagerbuch.

Pfarrer Sasges formulierte den Wunsch , die goße auf g gestimmte Glocke zu behalten, die zweite kleinere neu zu gießen und eine dritte neu dazu zu gießen. Den Durchmesser der Großen gab er an mit 1,05 Metern, dden der kleinen mit 95 Zentimetern. Gleichzeitig fragte er an, wie der Kilopreis für die Bronze sei und was die beiden neuen Glocken Kosten würden, um festzustellen, ob seine Mittel ausreichen würden.

Visualisierung zur Situation der Lösnicher Glocken um 1897. Ersteller Jürgen Schmid.

Der Auftrag schien Form anzunehmen, den am 12. Mai 1897 teilt Pfr. Sasges Herrn Mabilon die gewünschten Inschriften für die beiden Glocken mit. Die größere Glocke solle die Bilder der Mutter Gottes und von Joseph haben und die Inschrift:

 „Sancta Maria und Sancte Joseph orate pro nobis 1897.“

Die kleinere das Bild des Hl. Vitus mit der Inschrift:

„Sancta Viti patrone ecclesia nostrae ora pro nobis 1897

Die Glocken sollten am Sonntag den 20. Juni nach erfolgter Anlieferung getauft und am Montag, den 21. Juni aufgehangen werden, wobei Herr Mabilon anwesend sein sollte, um die richtigen Anweisungen zu geben. Die Glocken wurden wohl im Juli 1897 geliefert, bestehend aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn erster Qualität und ohne weitere Beimischung. Es war Pfr. Sasges mitgeteilt worden, dass bei Beibehaltung der großen g Glocke folgende Töne harmonieren würden:

  1. es-f- g
  2. f- g- a
  3.  g- a- h

Welche Tonfolge tatsächlich gewählt wurde, ist nicht erwähnt worden.

Aber es scheint zu klanglichen Problemen gekommen zu sein. Am 10. Januar 1899 teilte Pfarrer Sasges Herrn Mabilon mit, dass das Geläut nur dann anzuhören wäre, wenn alle drei Glocken zusammen von starker Mannschaft geläutet würden. Das wäre nicht oft der Fall, da die starken Hände sehr oft fehlen würden.

Würden jedoch nur die beiden kleinen Glocken läuten, wären sie nicht anzuhören, ja sie würden das Ohr beleidigen, da die Töne der beiden „zu nahe beieinnander“ seien. Sie würden geradeso miteinander harmonieren, als wenn eine Orgelpfeife gestimmt würde, wobei er wohl den Pastordes Nachbarorts Kinheim zitierte. Das könne er so nicht lassen. Die kleinste Glocke müsste den richtigen Ton a bekommen. Das könne ja auch nicht soviel Kosten, da die die Glocke ja leichter würde und Beschlag und Klöppel ja schon da seien.

Hier schien etwas nicht ganz nach Plan zu laufen.

Die kleine Glocke war wohl am dritten Dezember 1897 erneut beauftragt worden mit einer jetzt geänderten neuen Inschrift gegenüber der ersten Meldung auf: „O Maria sine labe Concepta ora pro nobis“ (Maria, empfangen ohne Sünde bitte für uns).

Sasges forderte, dass sie aber nicht vor Mitte Januar geliefert werden solle, da er sie sie auch nicht eher kaufen könne und sie auch nicht eher dahaben wollte. Er würde sie dann vom Bahnhof Ürzig abholen lassen, sich dann aber „um gar nichts mehr kümmern“ und auch keinen Pfennig mehr dafür ausgeben, wie er in aller Schärfe formulierte.  Die Stimmung schien an einem Tiefpunkt angelangt zu sein, und das nicht nur bei den Glocken.

Frachtpapiere vermelden, dass am 9. Mai 1898 eine Glocke mit Zubehör von Bahnhof Ürzig von Mabilon und Hausen an Mabilon und Hausen nach Saarburg aufgegeben worden war? Gewicht 623 kg für die Glocke und 300 kg für den Rest. Dem Gewicht nach zu urteilen müsste es eine der beiden größeren Glocken gewesen sein?

Aber welche Glocke ging hier zurück nach Saarburg? Gab es hier schon ein Problem? Bereits am 2. Juli 1897 hatte Lehrer Hennes aus Lösnich eine Glocke von 607 kg am Bahnhof in Bernkastel-Kues nach Saarburg versandt? Wahrscheinlich die kleinere bereits existierende Glocke aus Lösnich, die ebenfalls neu gegossen werden sollte.

Am 9. Mai 1898 wurde eine Glocke mit Zubehör von Bahnhof Ürzig von Mabilon und Hausen an Mabilon und Hausen nach Saarburg verschickt. Gewicht 623 kg für die Glocke und 300 kg für den Rest. Vermutlich die anzupassende kleine Glocke.

Glockentransporte zwischen Lösnich und Saarburg. Bilder pixabay. Zusammenstellung Jürgen Schmid.

Wie und ob der Streit wegen der Stimmung der Glocken beigelegt werden konnte, muss an dieser Stelle offen bleiben. Die Glocken sollten die Lösnicher jedoch nicht sehr lange zum Gottesdienst und zu anderen Anlässen zusammenrufen. Laut Pfarrer Koster sollen zwei der Glocken leider dem 1. Weltkrieg zwischen 1914 und 1918 zum Opfer gefallen sein. 1917 wurden die Pfarrämter aufgefordert, Glocken wegen bestehender Rohstoffknappheit abzuliefern.

Im damals bestehenden Deutschland sollen 67.500 Glocken abgenommen und auch größtenteils eingeschmolzen worden sein. Die aus Kupfer und Zinn bestehende Glockenbronze  wurde in der Rüstungs- und Waffenindustrie dringend benötigt. Aus dem rückgewonnenen Kupfer konnte in Verbindung mit Zink Messing hergestellt werden, was beispielsweise zur Herstellung von Geschützrohren und Patronenhülsen gebraucht wurde. „Friedliche Glocken wurden so auch zu totbringenden Geschützen“, wie von so manchem Pfarrer beklagt wurde.

Neue Glocken nach dem 1. Weltkrieg

Als der Krieg vorüber war, wurden 1921 von der Firma Humpert in Brilon im Sauerlandkreis in Niedersachsen drei neue Glocken beschafft, wie in der Werksliste der Firma Humpert dokumetiert ist.  Das Gewicht der Glocken betrug 2.261 Kilogramm.  Das sogenannte „Te Deum Geläut“ war gestimmt nach den Tönen „e- g- a“ und geweiht der Muttergottes Maria, Joseph und dem Schutzpatron St. Vitus. Ebenfalls in der Liste vermerkt mit einer Glockenlieferung sind 1922 die Nachbargemeinde Kinheim und 1925 die Gemeinde Graach.

Aber auch dieses Geläut erklang nicht sehr lange vom Lösnicher Glockenstuhl. Bereits im April 1942 wurden während des zweiten Weltkrieges zwei der Glocken von den Nationalsozialisten wieder zur Rohstoffgewinnung für die Rüstungsindustrie vom Turm geholt. Nur die kleinste Glocke mit Ton a durfte verbleiben.

Bei Verweigerung der Abgabe wurde in einem Erlass kurz nach der im März 1940 erfolgten Aufforderung Hermann Görings des Oberbefehlshabers der Luftwaffe und Führer des Reichswirtschaftsministerium die Todesstrafe angedroht wegen „Schädigung des großdeutschen Freiheitskampfes“.  

Zwei abgenommene Lösnicher Glocken im Kriegsjahr 1942. Bild I. Kessler

Eine seltene Aufnahme von 1942 zeigt die vom Turm geholten Glocken. Neben der St. Joseph Glocke stehend eine Tochter der damaligen Küsterin.

Zur Abholung wurden die Glocken durch die Schalllöcher aus dem Turm ins Freie buxiert und mit einem Seilzug heruntergelassen.

Neue Glocken nach dem 2. Weltkrieg

Erst 1949 wurde das Geläut wieder auf drei Glocken vervollständigt. Dazu wurde die zwei fehlenden Glocken bei der Glockengießerei Mark in Brockscheid in der Eifel beauftragt.

Zur Beiwohnung beim Guss der Glocken sei extra eine Abordnung aus Lösnich in die Gießerei nach Brockscheid gefahren. Am 21. April 1949 wurden die beiden neuen Glocken mit der Stimmung „e und g“ vom Domkapellmeister aus Trier in Brockscheid geprüft mit „hervorragendem Ergebnis“ – wie ein altes Dokument bestätigt.

Die Glockengießerei Mark in Brockscheid. Bild Jürgen Schmid.

Die noch vorhandene Glocke mit der Stimmung „a“ war bereits von selbigem Domkapellmeister am 1. Dezember 1948 im Turm in Lösnich überprüft worden. So war das Geläut endlich wieder vollständig und erklang wieder in den ehemaligen Tönen“ e-g-a“.

Doch der Transport der Glocken von Brockscheid in der Eifel nach Lösnich an die Mosel war in diesen frühen Nachkriegsjahren durchaus eine Herausforderung. Laut Zeitzeugen sollen die Glocken mit Traktor und ehemaligem ausgemusterten Wehrmachtsanhänger in Brockscheid abgeholt und mit einer Weinlieferung bezahlt worden sein.

Ein Lösnicher Winzer konnte sich noch erinnern, dass sie mit Botten Most für die Glocken gesammelt hätten. Der Wein soll dann mit einem Leiterwagengespann über die damals zugefrorene Mosel auf die andere Seite transportiert worden sein, wobei der Wagen von Hand geschoben wurde. Die Installierung der neuen Glocken erfolgte wohl mit einem Seilzug durch das Turminnere. So erklingt das vertraute Lösnicher TE DEUM Geläut von 1949 bis heute vom stattlichen Turm der Lösnicher St. Vitus Kirche, wobei die kleinste Glocke mit dem „Ton a“ noch die von der Glockengießerei Humpert in Brilon 1921 Gegossene ist.